
Wann stärkt Engagement die Demokratie und wann nicht?
Ob sich jemand in einer Gewerkschaft engagiert, ehrenamtlich in einem lokalen Sportverein tätig ist, sich in den sozialen Medien einsetzt oder Ob sich jemand in einer Gewerkschaft engagiert, ehrenamtlich in einem lokalen Sportverein tätig ist, sich in den sozialen Medien einsetzt oder Teil einer politischen Bewegung ist – all dies kann grundlegend unterschiedliche Auswirkungen auf die demokratische Einstellung einer Person haben. Kollektive, institutionalisierte Formen der Teilhabe gehen tendenziell mit einem höheren Vertrauen in Institutionen und pluralistischen Einstellungen einher. Individualisierte und vorwiegend digitale Formen des Engagements zeigen gemischte Auswirkungen: Sie können zwar das Gefühl der Selbstwirksamkeit fördern, aber auch Ressentiments, Ausgrenzung und autoritäre Ansichten verstärken.
Dass bürgerschaftliches Engagement sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann, ist keine neue Erkenntnis. In ihrer Studie Bowling for Fascism zeigen Satyanath, Voigtländer und Voth, dass dichte Vereinsnetzwerke – wie Chöre oder Sportvereine – die Ausbreitung der NSDAP-Mitgliedschaft in der Weimarer Republik beschleunigten. Ein lebendiges zivilgesellschaftliches Leben ist daher nicht automatisch ein Bollwerk gegen Autoritarismus; unter bestimmten Bedingungen kann es zu dessen Triebkraft werden. Unter welchen Bedingungen heute welche Dynamik vorherrscht, ist empirisch noch unzureichend untersucht.
TACIT geht dieser Frage systematisch nach, indem es Deutschland und die Vereinigten Staaten miteinander vergleicht – zwei Demokratien, die trotz deutlich unterschiedlicher institutioneller Rahmenbedingungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen: zunehmende Polarisierung, schwindendes Vertrauen in die Institutionen und das Wiederaufleben antidemokratischer Bewegungen. Da diese Bewegungen häufig über zivilgesellschaftliche Strukturen mobilisieren, gewinnt die Frage, wie bürgerschaftliches Engagement demokratische Prozesse beeinflusst, zunehmend an Dringlichkeit.
Eine neue Datenarchitektur für komparative, transatlantische Demokratieforschung
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Integration von drei Datenquellen, die bislang weitgehend isoliert untersucht wurden:
Diese Kombination erlaubt die Analyse kurzfristiger Auswirkungen politischer Ereignisse und langfristiger Veränderungen von politischen Einstellungen.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob, sondern wann bürgerschaftliches Engagement die Demokratie stärkt. Dieselbe Vereinsstruktur, dieselbe Online-Mobilisierung kann institutionelles Vertrauen aufbauen oder untergraben, je nachdem, in welchen politischen Kontexten und Konfliktlinien sie eingebettet ist. Solange wir diese Bedingungen nicht verstehen, bleibt ein zentraler Mechanismus der demokratischen Widerstandsfähigkeit eine Black Box.“
Dr. Jonas Fegert, Leiter des House of Participation am FZI
„Eine der größten Herausforderungen beim Verständnis der Frage, wann bürgerschaftliches Engagement die Demokratie stärkt, besteht darin, die komplexen Rückkopplungsketten zwischen den Erfahrungen der Bürger mit ihrer Regierung und ihrem Handeln in ihrer Gemeinschaft zu durchschauen. Die Kombination des bemerkenswerten SOSEC-Panels mit langfristigen digitalen Spurdaten gibt uns die Möglichkeit, aus jenen seltenen Zufallsereignissen zu lernen, die das bürgerschaftliche Engagement unerwartet beeinflussen, und verschafft uns so einen einzigartigen Einblick in dessen Auswirkungen.“
Professor Jacob N. Shapiro, John Foster Dulles Professor in International Affairs, Princeton University
Eine über Jahre gewachsene Partnerschaft
TACIT ist eine gemeinsame Initiative von Dr. Jonas Fegert (FZI & Karlsruher Institut für Technologie (KIT)) und Professor Jacob N. Shapiro (Princeton University). Seit 2024 stellt das FZI ausgewählte SOSEC-Daten exklusiv dem Survey Research Center der Princeton University zur Verfügung, und beide Teams pflegen einen regelmäßigen Austausch zu methodischen Fragen.
Professor Shapiro, Inhaber des John-Foster-Dulles-Lehrstuhls für Internationale Politik an der School of Public and International Affairs der Princeton University, leitet die „Accelerator Initiative“ – eine internationale Forschungsinfrastruktur für datengestützte Arbeiten zum Informationsumfeld demokratischer Gesellschaften. Die im Rahmen von TACIT entwickelte Dateninfrastruktur wird langfristig integriert, wodurch internationale Sichtbarkeit und die weitere Nutzung der in Baden-Württemberg entwickelten Forschungsressourcen über das offizielle Projektende hinaus gewährleistet werden.
Wissenstransfer und Policy-Engagement
TACIT ist von Anfang an darauf ausgelegt, seine Forschungsergebnisse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Geplant sind datenjournalistische Analysen, politikrelevante Empfehlungen sowie öffentliche Veranstaltungen, bei denen die Ergebnisse des Projekts in Formate übersetzt werden, die für verschiedene Zielgruppen geeignet sind – von der Zivilgesellschaft über die Medien bis hin zu politischen Entscheidungsträgern.
Mehr Informationen zu Jacob N. Shapiro: https://politics.princeton.edu/people/jacob-n-shapiro
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